Tag des öffentlichen Raums

Die drei K

Liebe Freundinnen und Freunde von OpenSquare

Am Aussterben, am Vertrocknen sei sie, die Altstadt. Darum muss sie belebt werden. Intensiv und sofort. Nur, was ist sie denn, die belebte Altstadt? Ich habe sie vor meinem Fenster. Die Gasse ist nichts Besonderes, eine Altstadtgasse halt, ein geschlossener Stadtraum, von vier-, fünfgeschossigen Häusern gefasst. Drei Eigenschaften machen sie doch besonders, die drei K. Kinder, Katzen, Keine Autos.

Die Kinder zuerst. Sie wohnen hier, also spielen sie auch auf der Gasse. Sie stellen Tore auf und machen Trockeneishockey. Zuweilen kriegen sie farbige Kreide und malen Figuren auf die Bsetzi. Auch Fussball ist beliebt. Da dürfen auch die Väter mitspielen. Kurz, sie beleben die Altstadt.

Die Katzen nun. Es gibt drei davon. Eine rote, eine getigerte und eine missfarbene. Sie schleichen herum und werden von den Nachbarn gefüttert und gestreichelt. Irgendwo sind sie zuhause, mir aber unbekannt wo. Sie sind einfach da. Manchmal sehe ich sie auch auf den Dächern, waghalsig, aber seelenruhig spazieren sie dem Abgrund entlang. Zuweilen prügeln sie sich mit heftigem Gefauche. Eines ist klar: Die belebte Altstadt ist ihr idealer Lebensraum.

Keine Autos. Das ist die Hauptsache. Nicht autofrei ist die Gasse, sie ist nur für den Durchgangsverkehr gesperrt. Die Anwohner dürfen. Die Folgen sind beachtlich. Wo nicht parkiert wird, gibt’s Platz. Wofür? Für die Belebung. Für Kinderspiele und Katzen zuerst, dann aber für die Bewohner. Meine Nachbarn stellen Bank und Stuhl auf die Gasse und machen daraus ihr Wohnzimmer. Weisswein verbindet, ich kenne alle Gassenleute vom Apero her. Auch fürs Grün ist Platz. Vor den Häusern stellen die Leute ihre Blumenkübel auf die Gasse. Das heute bitternötige Stadtgrün spriesst. Vor allem auch, weil da noch Maja ist, eine Gärtnerin. Sie giesst. Sie hat einen langen Schlauch und bekämpft das Verdursten. Die Gasse ist so unschweizerisch unordentlich. Überall stehen Pflanzenkübel und Gartenmöbel herum. Ein belebtes Bild.

Halt, solche Zustände sind keineswegs gemeint, wenn’s um Belebung geht. Nein, Belebung ist, was Umsatz bringt. Leute, die vor ihren Haustüren hocken, kaufen nichts. Erst die Laufkundschaft belebt. Wir brauchen Bewegung, nicht Ruhe. Eine Altstadt ist ein buntes Shopping Center, kein Wohnquartier. Die Erdgeschosse müssen die Hälfte der Zinseinnahmen bringen.

Ich bin immer hellhörig, wenn ich das Wort Belebung höre. Mehr Kinder, Katzen, Keine Autos oder mehr Umsatz?

Herzliche Grüsse aus Biel

Benedikt Loderer, Stadtwanderer

PS: Die Altstadt übrigens ist die perfekte Nachhaltigkeitsmaschine. Ihre Bausubstanz ist Jahrhunderte alt, ihr Bodenverbrauch ist minimal, ihre Baudichte hoch, ihr Fassadenanteil minimiert, wer nach einer nachhaltigen Bautypologie sucht, Bingo, da ist sie: Die Altstadt.

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