Liebe Freundinnen und Freunde von OpenSquare
Mehr als ein Drittel der Wohnungen in der Schweiz sind Einpersonenhaushalte. Der Wohnraum pro Person steigt. Die Wohndichte sinkt. So die aktuelle Statistik. Die Balkone werden immer grösser, Loungemöbel verstecken sich hinter Sichtschutz. Privatsphäre ist angesagt. Die Strasse funktionieren wunderbar um schnell von A nach B zu kommen, mit dem Auto oder mit dem Velo auf Velovorzugsstrecken, allein. Unser Sozialleben wird durch digitale Kontakte bestimmt. Wir bewegen uns in unseren Blasen, im virtuellem Raum und im Café. Die Segregation nimmt zu. Mit Kopfhörern stehen wir an Selbstbedienungskassen oder bestellen online. Es ist die Zeit der Selbstbezogenheit, der Selbstoptimierung. Bei all dieser Privatheit: Wen interessiert da noch der öffentliche Raum?
Warum ist öffentlicher Raum überhaupt wichtig?
Die Antworten dazu sind ein Spiegel unserer Gesellschaft. «Bei der Frage nach der Nutzungsfrequenz des öffentlichen Raums zeigen sich Einkommensunterschiede: während Leute mit tiefen Einkommen häufiger angeben, dass sie den öffentlichen Raum «zum Verweilen und Entspannen» oder «für Sport und Bewegung» nutzen, tun dies Leute mit höheren Einkommen häufiger «für den Weg zur Arbeit oder zur Schule» und «zum Einkaufen». Bleibt für Vielbeschäftigte unserer Leistungsgesellschaft kaum Zeit für längere und kollektive öffentliche Raumnutzungen? Oder zeigt sich hier, was der Theoretiker sozialer Ungleichheit Pierre Bourdieu in seinem Werk «Das Elend der Welt» schon lange festgestellt hat – nämlich, dass wer über genügend Kapital verfügt, nicht nur die Möglichkeit hat, über mehr «physischen Raum» zu verfügen, sondern damit auch «unerwünschte Personen oder Sachen auf Distanz halten kann»? So schreibt schreibt Eveline Althaus, Dr. sc. ETH, Vorstand OpenSquare im Vorwort der Veröffent
lichung unserer repräsentativen Umfrage zum öffentlichen Raum (https://www.opensquare.ch/home/projekte/aktion-2025/opensquare-umfrage-2025) 2025.
Auch in der Schweiz existieren beengte Wohnverhältnisse. Überbelegung fordert Entlastung, Kinder in Kleinwohnungen suchen Spielorte ausserhalb, machen das Ausweichen in den öffentlichen Raum notwendig. Sind dies nur die «Anderen», die Zugezogenen? Gemäss einer aktuellen Umfrage des Kantons Zürich nimmt das Fremdheitsgefühl im Kanton zu. Dabei nutzen wir immer weniger die Möglichkeiten das Andere kennenzulernen, Fremdes zu tolerieren, ohne sich an Leib und Leben bedroht zu fühlen. «Was geschieht, wenn die Öffentlichkeit als Forum gesellschaftlicher Erfahrung und kulturellen Austauschs zerfällt? Welche Folgen hat die zunehmende Abkoppelung der Privatsphäre von den Belangen des Gemeinwesens?» fragte Richard Sennett schon 1977 in seinem Buch «Verfall und Ende des öffentlichen Lebens. Die Tyrannei der Intimität». Leben wir zunehmend in der Privatheit oder kämpfen wir stattdessen für einen öffentlichen Raum jenseits des Konsums und der Fortbewegung? Für einen Raum der Begegnung zwischen Frem
den und damit ein Wachsen an und in der Welt fördert. Einen Raum, der politisches Handeln möglich macht. Der öffentliche Raum ist der Raum der Freiheit, Gleichheit, Toleranz und Demokratie. Es ist an uns, ihn zu verteidigen, zu nutzen, zu leben. Aktuelle Ereignisse zeigen dies unmissverständlich. Begegnung fängt schon im Kleinen an. Sich sehen, einander zuhören, dem Anderen Raum geben und eine echte Neugier für ihn entwickeln. Auch und gerade im öffentlichen Raum.
Der nächste Tag des öffentlichen Raums findet am 28. Juni 2026 statt.
Machen Sie mit, beteiligt euch. Mit eigenen Ideen oder an OpenSquare-Aktionen .
mit herzlichen Grüssen
Gundula Zach
OpenSquare