Tag des öffentlichen Raums

Die Poesie der Schleichwege

Liebe Freundinnen und Freunde von OpenSquare

Wir wissen es eigentlich alle: Es gibt kaum etwas Schöneres als das ziellose Flanieren, sich treiben lassen und dabei auf Unerwartetes zu stossen. Landschaft und Stadt wollen nicht immer auf dem kürzesten Weg durchquert werden. Manchmal möchten sie uns verführen – mit einem offenen Gartentor, dem Duft von Brot oder einer Bank, die zum Verweilen einlädt.

Das wesenhafte Sich-treiben-Lassen braucht den öffentlichen Raum: Wege, Plätze, Freiräume – und jene öffentlichen und halböffentlichen Schleichwege und Trampelpfade, die Siedlungen auf besondere Weise durchziehen. Sie entstehen dort, wo Menschen sich gerne bewegen: auf dem Weg zur Schule, zum Lebensmittelgeschäft, zur Post, zur Bushaltestelle oder ins Café. Viele Füsse haben diese Wege über Jahre und Jahrzehnte gezeichnet, gefestigt und weitergegeben.

Solche Pfade sind lesbare Spuren des Alltags. Sie zeigen, wie Menschen einen Ort tatsächlich nutzen, manchmal anders, als es Pläne und Parzellengrenzen vorsehen. Ein Trampelpfad ist deshalb nicht einfach eine ungeplante Abkürzung. Er kann ein Hinweis darauf sein, wo Verbindungen fehlen, wo ein Zugang gewünscht wird oder wo sich der menschliche Massstab gegen die formale Ordnung des Grundstücks durchsetzt.

Heute verschwinden diese Wege aus zwei Gründen. Zum einen werden informelle Verbindungen zunehmend privatisiert, versperrt oder durch neue Grundstücksgrenzen oder Neubauten unterbrochen. Zum anderen verändert sich die Infrastruktur: Die Post, der Laden, die Bäckerei und das Café im Quartier schliessen oder rücken an den Rand. Mit ihnen verschwinden nicht nur Ziele, sondern auch die Wege, die zu ihnen geführt haben. Gerade für Kinder ist dieses Netz eine Welt voller Möglichkeiten. Sie rennen, hüpfen, klettern, erforschen, entdecken und verkriechen sich. Sie folgen nicht nur den vorgesehenen Routen, sondern ihren eigenen Fragen und ihrer Neugier. Wird der Fussverkehr jedoch lediglich als schmaler Streifen entlang einer Hauptverkehrsachse geplant, gehen ganze Welten verloren: Abenteuer, Naturerlebnisse, Begegnungen – und oft auch die schnellste Verbindung. Denn Schleichwege sind nicht nur schön, sondern häufig erstaunlich effizient. Menschen bewegen sich intuitiv dorthin, wo eine direkte und angenehme Verbindung von A nach B möglich ist: über einen Hof, zwischen Hecken und Sträuchern, durch eine frisch angesäte Grünfläche oder entlang einer kaum sichtbaren Spur. Der kürzeste Weg ist nicht immer der geometrisch direkteste. Er ist derjenige, der sich gut anfühlt, sicher ist und den Alltag sinnvoll verknüpft.

Wir müssen wieder lernen, bei Bauvorhaben und Baubewilligungen genauer hinzusehen: Wie bewegen sich die Menschen im Siedlungsgebiet tatsächlich? Welche Wege gehen sie regelmässig? Wo entstehen neue Spuren, und welche Verbindungen fehlen? Wo solche Wege für die Allgemeinheit wichtig sind, sollten sie planerisch berücksichtigt und – wo möglich, rechtlich gesichert werden. Ein vielfältiges Fusswegnetz schafft nicht nur Orientierung und Aufenthaltsqualität. Es unterstützt Begegnung, Selbstständigkeit und Gesundheit. Zu Fuss zu gehen bedeutet schliesslich mehr, als von einem Ort zum nächsten zu gelangen. Es bedeutet, zu schlendern, zu beobachten, zu verweilen, zu hüpfen und zu rennen. Es bedeutet, die jahreszeitlichen Veränderungen am Wegesrand wahrzunehmen, Landschaftsbilder zu entdecken und die Stadt nicht nur zu durchqueren, sondern zu erleben.

Lassen wir uns wieder auf Entdeckungen ein, lassen uns verführen von einer duftenden Rose, einem Geräusch, einem unerwarteten Durchblick. Folgen wir den Wegen, die andere vor uns gegangen sind und zeichnen wo nötig neue. Das wusste schon Lucius Burckhardt: «Die Welt erschliesst sich nicht allein aus der Distanz, sondern im Gehen».

Liebe Grüsse

Sabina Ruff
Laboratorium für Zukunftsgestaltung

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