Tag des öffentlichen Raums

Pop-up Urbanismus

Liebe Freundinnen und Freunde von OpenSquare

Dass man sich «in Schale wirft», wenn man in die Stadt geht, ist schon lange passé. Casual wear ist angesagt und das nicht nur am Casual-Friday. Man gibt sich locker und familiär, so quasi unter Freunden, auch wenn man sich kaum kennt. Mit Nachbarn organisiert man Feste auf Strassen und Plätzen, inszeniert Kinderanlässe und sperrt Spielstrassen, bepflanzt Verkehrsinseln, macht Parks zu Picknickplätzen oder sorgt mit Plakaten für mehr Sicherheit auf der Quartierstrasse. Die meist temporäre, aber fortschreitende Aneignung des öffentlichen Lebens durch private Nachbarschaften veranschaulicht den Trend zur «Verhäuslichung» des einst anonymen öffentlichen Raums in eine Welt von Freunden und Bekannten.

Diese Aneignungen und deren vorübergehende Veränderungen des öffentlichen Raums wird «Taktischer Urbanismus» auch «Pop-up Urbanismus» oder «Guerilla-Urbanismus» genannt. Er ist meist von Bürger:innen und Gewerbetreibenden organsiert und immer öfter auch von staatlichen Stellen initiiert. Das Positive zuerst: Der meist provisorische Charakter dieser Eingriffe ermöglicht vieles, was lange geplant und perfekt ausgeführt nicht realisierbar wäre. So können Möglichkeiten aufgezeigt werden, wie auch mit einfachen Mitteln schwierige Situationen verändert und städtebauliche Lösungen getestet werden können – so weit so gut.

Aber auch die «Ästhetik» des Pop-up Urbanismus ist locker und informell, und auch recht populär. Gebastelte Holzpalett-Dachlatten-Konstruktionen in Pink und Hellblau gestrichen, die früher die WGs möblierten, sind heute, durchzogen mit Kletterpflanzen in Holzkisten, Schilfmatten, Fähnchen- und Glühbirnen-Girlanden, zu begehrten Aussensitzplätzen, Platzmöblierungen und «Gartenrestaurants» in Städten geworden. Sie werden offensichtlich als authentisch, cool und gemütlich erachtet, wie zu Hause im Schrebergarten. Und weil es so beliebt ist, machen es nun auch Städte und Gemeinde: neu werden auch ihre «Pocket-Parks» mit einfachen Holztremmeln möbliert.

Schön ist eine Stadt, in der Anonymität auch eine Qualität ist. Wo leere Stadtplätze ebenso geschätzt werden wie volle und wo das pralle städtische Leben auch mal zur Ruhe kommt. Wo Boulevard-Café sich wieder hin zu den Strassen und Plätzen öffnen, auf denen sie stehen, anstatt sich mit Ketten, Blumenkübeln und Holzwänden zu verbarrikadieren. Eine Stadt, die nicht dekoriert sein muss, um schön zu sein und die nicht immer allen gefallen will. Eine Stadt, in der die Aneignung des öffentlichen Raums durch einzelne Gruppen nicht mit der Enteignung aller Anderen einhergeht. Eine Stadt nicht nur für Freunde und Bekannte, nicht nur für Dich und mich, sondern auch für alle Anderen.

Schönen Sommer, herzlich

Thomas Schregenberger
OpenSquare

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