Tag des öffentlichen Raums

Liebeserklärung an die Strassenbank

Liebe Freundinnen und Freunde von OpenSquare

Wann sind Sie das letzte Mal auf einer Strassenbank gesessen? Nicht auf einem Loungemöbel vor einem angesagten Café, sondern auf einer öffentlichen Bank auf einem Platz, auf dem Trottoir an einer Strasse oder im Park? War es in den Ferien auf einer eleganten Pariser Bank? In Italien auf einem der steinernen Sockel der Renaissancepaläste? Oder zuhause in Ihrem Quartier? Die Schönheit, die Lebensqualität einer Stadt liegt in den Menschen, die sich darin bewegen, auf dem Schulweg, unterwegs zur Arbeit, zum Einkaufen. Menschen, die rennen, spazieren, flanieren – und auf Bänken sitzen. Auf Bänken wird gewartet, diskutiert, gelesen, ausgeruht, nachgedacht, kommuniziert, gegessen, getrunken, geküsst, geschlafen, beobachtet, gestritten, gefeiert, Energie getankt, geplaudert, Neues und Unerwartetes entdeckt und gehört, musiziert, gespielt, geträumt….

Die Strassenbank ist für alle. Auf ihr sind alle gleich. Hier treffe ich Bekannte, Andere, Fremde. Zufällig, ungeplant und überraschend  – auf dem Logenplatz des Lebens. Bänke sind Inseln im Verkehr. Sie machen aus einer Strasse einen Ort, besonders in Kombination mit einem Baum. Jede Bank ist eine Einladung. Hier darf ich Platz nehmen. Bänke sind «Tankstellen für Fussgängerinnen und Fussgänger», so Renate Albrecher, Stadtsoziologin und Gründerin des Vereins Bankkultur. Für sie sind öffentliche Sitzbänke Schlüsselelemente für die Attraktivität des Gehens und damit einer Politik der nachhaltigen Mobilität. Gestaltung und Standorte sind oft nur den Bedürfnissen einer gesunden, mobilen Minderheit der Bevölkerung angepasst und bauliche Massnahmen vergraulen gezielt bestimmte Gruppen, schliessen diejenigen aus, für deren Leben und Inklusion Bänke essentiell sind. Die Norm zum hindernisfreien Verkehrsraum nennt einen Abstand von 200 bis 300m zwischen öffentlichen Strassenbänken.

In Zürich entdecke ich voller Freude immer mehr Bänke: provisorische, flexible Sitzgelegenheiten an temporären Bäumen in Air Pots z.B. vor dem Schiffsbau. Strassenaufweitungen werden mit Bäumen und Bänken zu kleinen Plätzen. Ich sehe aber auch die ständig anwachsende Anzahl der Strassencafés und Aussenwirtschaften. Als südliches Lebensgefühl nördlich der Alpen willkommen geheissen und gefeiert, wächst die kommerzielle Aussengastronomie inzwischen ständig, frisst sich immer mehr in den öffentlichen Raum, überstülpt, verstellt, dominiert ihn und verbarrikadiert sich dabei hinter Pflanzenkübeln und Absperrungen aller Art. Öffentliche Sitzbänke sind Orte zweckfreien Nichtstuns, des Genusses, der Aneignung von Zeit – und immer kostenlos.

«Die Bank ist ein Ort des Anhaltens, eine verwirklichte Utopie. Sie ist Urlaub zum Greifen nah. Auf Bänken betrachtet man das Schauspiel der Welt.…Sie ist das ultimative Symbol für etwas, das man nicht kaufen kann, für eine kostenlose Art, Zeit zu verbringen und sich in der Öffentlichkeit zu zeigen, die Stadt und den Raum zu bewohnen.» (Beppe Sebaste, Panchine: come uscire dal mondo senza uscirne.)

Heute wird eine polarisierende Abstimmung mit ungewissem Ausgang entschieden. Sicher ist schon jetzt: Der öffentliche Raum ist unter Druck. Durch Privatisierung, Kommerzialisierung, Eventisierung. Jedoch nicht durch Dichtestress.

Gehen wir hinaus. Treffen wir uns auf einer Strassenbank.

Herzlichst,
Gundula Zach
OpenSquare

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